Alltägliche Ergonomie im Logistikbetrieb: Schmerz- und risikofrei arbeiten

Egal ob es die Mitarbeiter im Lager sind oder die Kollegen im Büro: Jede einzelne unergonomische Tätigkeit addiert sich mit der Zeit gnadenlos auf und erhöht das Risiko für Ausfälle. Dabei ist auch jenseits der Arbeitsschutzvorschriften vieles nebenbei möglich, wenn man gewillt ist, etwas zu investieren.

Es ist eine statistische Tatsache: Schon seit vielen Jahren stellen Erkrankungen des skelettalmuskulären Apparates – also Knochen, Gelenke und Muskeln – den mit Abstand größten Anteil an Arbeitsunfähigkeitstagen. 2019 entfielen 21,2 Prozent der insgesamt 712,2 Millionen Ausfalltage aller Arbeitnehmer allein auf eine hierunter fallende Diagnose.

Lagerist mit Gabelstapler im Hochregallager
Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern möglichst gesundheitsschonende Lösungen zur Verfügung stellen (stock.adobe.com © Алина Бузунова)

In der gesamten Berufsgruppe Post und Logistik sind die Zahlen noch gravierender. Hier gaben schon 2012 bei einer offiziellen Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz mehr als die Hälfte aller Befragten an, in den zurückliegenden zwölf Monaten mindestens zwei Muskel-Skelett-Beschwerden gehabt zu haben.  Viel verändert hat sich seitdem nicht.

Ein Grund dafür ist, dass die Vorgaben des Staates und der Berufsgenossenschaften zwar effektiv vor Unfällen schützen, dabei aber einiges an Schlagkraft gegenüber niedrigschwelligeren Belastungen vermissen lassen. So entwickelt sich durch zahllose unergonomische Handlungen Stück für Stück eine Krankheit, die bei jedem irgendwann ausbricht. Lässt sich etwas dagegen tun? Ja, auch mit den folgenden Tipps.

  1. Komplett verstellbares (Büro-)Mobiliar

Ganz gleich, ob es der Schreibtischarbeitsplatz des Lagerleiters ist oder derjenige des kaufmännischen Azubis: Viele dieser Arbeitsplätze weisen eklatante Ergonomiemängel auf. Zwar gibt es auch hier Vorgaben und Normen, in der Praxis werden diese jedoch oft längst nicht so stringent eingehalten wie diejenigen Auflagen, welche Unfälle verhüten sollen.

Frau steht am Schreibtisch und arbeitet
Mithilfe solcher justierbarer Aufsteller lassen sich auch normale höhenverstellbare Schreibtische flugs zu Steharbeitsplätzen machen. (stock.adobe.com © Andrey Popov)

Der dabei größte Einzelkritikpunkt: Das Mobiliar ist nicht verstellbar. Meist gibt es zwar justierbare Bürostühle, jedoch sind diese allein nicht ausreichend. Sofern der Tisch nicht ebenfalls zur Körpergröße passt, verpufft die Wirkung des Stuhls. Das Problem ist hierbei, dass feste Schreibtische für Menschen von etwa 1,75 Metern konstruiert sind. Alles, was darüber oder darunter liegt, kann hier grundsätzlich nicht ergonomisch arbeiten, wobei die Belastung immer größer wird, je weiter sich die Körpergröße von diesem Maß entfernt.

Der Tipp lautet deshalb, dass jeder Büroarbeitsplatz nicht nur umfassend verstellbare Stühle aufweisen sollte, sondern auch ebensolche Tische, Computerbildschirme sowie Eingabegeräte. Und, sofern Neuanschaffungen anstehen, sollten es sogar Modelle sein, die auch stehende Arbeit erlauben – denn nichts ist ergonomischer als eine gute Mischung der Positionen.

  1. Große Treppen, kleiner Trick, umfassende Wirkung

Die Vorschriften machen präzise Vorgaben, wie Treppengeländer, Handläufe und dergleichen gestaltet sein müssen. Leider werden die Nutzer jedoch nicht ebenfalls an die Kandare genommen. Das merkt man, denn Stolper- und Sturzunfälle häufen sich signifikant rings um Treppen. Das gilt auch in Lagerhallen, selbst wenn die Stufen dort aus im Höchstmaß griffigem Metallgitter bestehen.

Dabei gibt es einen Trick, der enorm wirksam ist und nur erfordert, dies allen Mitarbeitern deutlich mitzuteilen:

Wer Treppen geht, hat immer eine Hand am Geländer
und schaut dabei permanent vor seine Füße. Weder werden
Materialien mit beiden Händen getragen noch unterdessen
Handys, Klemmbretter oder ähnliches betrachtet.

Zahlreiche Betriebe haben derartige Regeln bereits eingeführt und sofort danach signifikant zurückgegangene Unfallursachen bemerkt.

  1. Hilfe für die Langläufer

Viele Kommissionierer machen nur das: Kommissionieren, gegebenenfalls noch Packen. Dabei legen die Picker je nach Firmengröße so viele Kilometer pro Arbeitstag zurück, wie ein guter Wanderer – zehn sind es praktisch immer, teils sogar das Dreifache. Angesichts dessen lautet ein wichtiger Ergonomie-Ratschlag, vor allem darauf zu achten, dass diese „Marathonläufer“ der Logistik am wichtigsten Kontaktpunkt der Bewegung, der Schuhsohle, nur das Beste bekommen.

Das gilt nicht nur generell für (Arbeits-)Schuhe mit einer ergonomischen Innen- und Außensohle, sondern erstreckt sich auch auf die Austauschhäufigkeit: Je nach Körpergewicht sind auch hochwertige Schuhsohlen nach 500 bis 1000 Kilometern buchstäblich „durchgelaufen“. Jeder weitere Kilometer belastet nicht nur den Fuß, sondern den gesamten Bewegungsapparat inklusive Wirbelsäule.

Lagerarbeiter zieht Pakete auf Europalette
Die Laufdistanzen von Pickern sind enorm. Enorm gut sollte deshalb auch ihr Schuhwerk sein. (stock.adobe.com © Halfpoint)

Bloß wenn ein Picker pro Schicht „nur“ zehn Kilometer absolviert, ist dieses Limit schon nach 50 bis 100 Tagen erreicht. Ja, das mag nach einer sehr kurzen Zeitspanne klingen. Wer das jedoch als Ausrede nimmt, um dem Personal nur seltener neues Schuhwerk zu verschaffen, schadet sich letztlich selbst – zumal sich sowieso empfiehlt, zwei Paare gleichzeitig bereitzustellen, damit sie im Wechsel getragen werden und austrocknen können.

Übrigens: Auch im Büro kann falsches Schuhwerk dieselben Folgen haben, es dauert nur länger. Gerade wo kein persönlicher Kundenkontakt besteht, sollten Firmenbesitzer es deshalb nicht nur ermöglichen, sondern fördern, dass die Mitarbeiter ergonomisches Schuhwerk tragen – keine lediglich seriös aussehenden Modelle.

  1. Ein Mix von Aufgaben

Müssen Picker immer nur picken? Bei einer vorausschauenden Arbeitsplatzplanung nicht. Dass jemand gar keinen Kontakt zu sitzenden Tätigkeiten hat, ist auch bei reinen Kommissionierern äußerst unüblich.

Mit etwas Planung könnte beispielsweise erzielt werden, dass jeder laufende Lagermitarbeiter nach einer bestimmten Distanz eine sitzende Arbeit absolvieren kann. Dies ließe sich auch einfach über Schrittzähler messen. Statt zehn Kilometer in sieben Stunden gefolgt von einer sitzenden Stunde könnte der Tag so besser für einen ergonomischen Bewegungsmix aufgeteilt werden – und die Belastung sich verringern.

  1. Mehr Ergonomie am Packtisch

Dauerndes Sitzen ist ungesund, das ist bekannt und der Grund, warum so viele reine Büroarbeiter jährlich ausfallen. Allerdings ist auch das andere Extrem nicht sonderlich besser -auch langes Stehen belastet enorm, so wie jede Zwangshaltung.

Auch Packtische sollten daher dringend höhenverstellbar sein. Falls im Schichtmodus gearbeitet wird, unbedingt auch komfortabel (elektrisch, per Kurbel usw.) justierbar, damit jeder Mitarbeiter den Tisch binnen Sekunden auf sich anpassen kann.

Ferner sollte es auch an diesen Stationen Sitzgelegenheiten geben. Hier gibt es aus anderen Branchen sehr gute Lösungen in Form des Stehhockers. Er ist weniger eine Sitz- denn eine Anlehngelegenheit. Alternativ können auch Reiterhocker verwendet werden, welche durch einen drehbaren Sitz, aber eine halbkugelige Bodenauflage ein aktives „Sitzstehen“ ermöglichen, welches zwar unterstützt, aber den Körper nicht komplett entlastet.

Übrigens: Es bietet sich sehr an, das Feedback der Packer einzuholen, um noch weitere Verbesserungen zu etablieren. Beispielsweise Packplatzsysteme oder ohne Zusatzbewegung erreichbare Mülltonnen.

  1. Mehr Elektrik beim Transport

Beim Palettenhubwagen, der „Ameise“, ist elektrische Unterstützung schon seit vielen Jahren üblich. Allerdings hat sie sich dort bis heute nur wegen den häufig sehr schweren Palettengewichten etabliert, nicht aus primärer Ergonomie heraus.

Arbeiter mit Ameise im Lager
Wenn Alltagsergonomie im Vordergrund steht, sollte es eigentlich keine rein muskelbetriebenen Transportmöglichkeiten im Betrieb geben. (stock.adobe.com © romaset)

Dabei steht genau diese im Zentrum. Denn egal ob es sich um Bücken, Strecken, Heben oder eben Ziehen und Schieben handelt, es gibt keine Bewegung, die wirklich dauerhaft ergonomisch wäre, wenn sie allein mit Muskelkraft absolviert werden muss; speziell, wenn sie repetitiv ist, sich also ständig wiederholt.

Das heißt, selbst wenn ein Kommissionierer nur relativ leichte Waren (auch hinsichtlich des Gesamtgewichts) auf seinem Plattformwagen bewegen muss, so ist das ständige Anschieben und Abbremsen in der Summe trotzdem eine Belastung.

Vor allem weil heute jede Form von logistischer Transportmöglichkeit auch mit Elektroantrieben angeboten wird, sollte davon großzügiger Gebrauch gemacht werden. Auch hier wird der Anschaffungspreis rasch durch gesunkene Ausfallzeiten und zufriedenere, weil schmerzfreie Mitarbeiter wettgemacht.

  1. Mehr Stille, weniger Stress

In keinem Bereich eines Logistikbetriebs geht es still zu. Egal, ob es das Telefonklingeln und Tastaturklappern im Büro ist oder das beständige Hintergrundrauschen in den Hallen. Zwar ist das Geräuschniveau selten so hoch, dass es wirklich gesundheitsschädlich ist, aber es gelten auch andere Regeln:

  • Erst ab 80 Dezibel muss im Beruf Gehörschutz getragen werden.
  • Ab 60 Dezibel sind jedoch bereits langfristige Gehörschäden möglich.
  • Ab 40 Dezibel sinkt auch schon die Konzentrationsfähigkeit.

Vor allem die letzten Werte sind es, die in der Logistik problemlos erreicht werden können. Gibt es Abhilfe? Definitiv.

  • Sofern es nicht möglich oder gewollt ist, die Büromitarbeiter getrennt unterzubringen, so sollten auch diese dazu angehalten werden, nach Möglichkeit einen leichten Gehörschutz zu tragen.
  • In den Hallen, wo ständige Kommunikation nötig ist, empfehlen sich dagegen aktive Gehörschützer, gegebenenfalls auch mit integrierten Kommunikationsmöglichkeiten (beispielsweise Funk), wo es nötig ist.

Ziel sollte es sein, dass die Mitarbeiter nur das hören, was sie für die berufliche Kommunikation hören müssen. Jedes andere ausgeblendete Geräusch trägt dazu bei, den Arbeitsplatz ergonomischer zu machen, weil es die ständige Beschallung reduziert, die sowohl stresst wie schädigt.

Daniel Mahnken
Daniel Mahnken ist Senior Corporate Communications Manager bei Saloodo!. Als gelernter Journalist liegt ihm das Schreiben quasi im Blut. Nach seinem Sportpublizistik-Studium wollte er eigentlich Germany’s Next Sport-Kommentator werden, doch dann entdeckte er die Logistik und kommt seitdem nicht mehr davon los.

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