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    Warum gibt es so viele schwere LKW-Unfälle?

    Diese Frage hört und liest man derzeit fast täglich. Und fast täglich hört, liest und sieht man von schweren LKW-Unfällen, bei denen Stauenden übersehen werden, es Tote und Verletzte gibt. Aber warum passieren all diese schrecklichen Unfälle?

    Es gibt verschiedene Aussagen: „Handy- und Laptop-Nutzung während der Fahrt!“ ist wohl das gängigste Argument. Aber so „einfach“ sehe ich persönlich das nicht. Ich denke da kommen viele Faktoren zusammen. Man kann nicht an einem Punkt festmachen, warum es so viele Unfälle gibt momentan. Stress, Hetze, das Wetter, Unaufmerksamkeit, Ablenkung durch Laptop, Handy etc, die eigene Gesundheit, Überholverbote, Egoismus, Selbstüberschätzung, technischer Zustand der Fahrzeuge, Termindruck, zu geringer Abstand, Übermüdung, falsche Ernährung, leider ist auch Alkohol ein Thema und und und. All diese Faktoren können Kettenreaktion hervorrufen, die dann zu solchen Unfällen führen. Wobei ich der Meinung bin, dass der größte Faktor bzw. die Hauptursache die eigene Selbstüberschätzung und der Egoismus sind. Viele sind der Meinung: „Mir passiert sowas nicht.“ oder „Ich hab‘ ja diverse Helferlein, die mich schützen!“ Und DAS ist tödlich!

    Sich allein auf die Helferlein verlassen ist tödlich. Denn Technik ist zum einen anfällig, kann ausfallen und zum anderen ist sie nur so gut, wie derjenige, der sie bedient. Dazu gehört in erster Linie, dass man im Umgang mit solchen Helferlein geschult ist und sich regelmäßig weiter informiert.

    Und so lange die Fahrer dies nicht berücksichtigen, wird sich an den schweren Unfällen nichts ändern.

    Sich stressen und hetzen lassen, macht keinen Sinn. Lieber bin ich später da, aber dafür gesund und munter. Dieser Stress führt zu Unaufmerksamkeit und Ablenkung. Plötzlich wird ein Stau übersehen und schon ist es passiert. Und das ist jetzt nur eine von vielen möglichen Kettenreaktionen.

    Das gleiche gilt auch für Ärger, den man eventuell hatte, sei es daheim, bei den Kunden oder mit der Firma. Dieses gehört nicht hinter‘s Steuer. Man wird, vielleicht unbewusst, selbst aggressiv und es schlägt sich auf da Fahrverhalten nieder.

    LKW mit eingedrückter Fahrerkabine nach AuffahrunfallDazu kommen wahrscheinlich Fahrer, die schlichtweg nicht WOLLEN! Die resistent gegen alle Unfallbilder oder -szenarien sind. Ansonsten kann ich mir nicht erklären, warum immer noch so viele Kollegen ihren Sicherheitsabstand nicht einhalten. JEDER von ihnen ist nicht blind und taub gegenüber den vielen Presseberichten, die über die schweren Unfälle berichten.

    JEDER hat schon Unfälle gesehen, bei denen vielleicht sogar Menschen gestorben sind. Und trotzdem wird der Abstand nicht eingehalten, mit Handy am Steuer gespielt, während der Fahrt DVD geschaut….

    Viele von uns können sicherlich noch zig weitere Gründe nennen, die einen Unfall verursachen können. Allen voran werden wahrscheinlich die PKW-Fahrer genannt, die teilweise auch ihren Teil dazu beitragen, dass es zu schweren Unfällen kommt. Aber mit der „Ausrede“ können nicht ALLE Unfälle erklärt werden.

    Ein weiterer Punkt ist auch die persönliche Verfassung, sei es gesundheitlich, psychisch oder physisch.

    Wenn man gesundheitlich angeschlagen ist, und das weiß jeder, ist man nicht wirklich mehr 100-prozentig dabei. Dann kommen eventuelle Sorgen um die Familie, den Job um sich selbst dazu.

    Besonders jetzt, zu Zeiten von Corona, ist es für jeden Fahrer schwer. Zum einen ist man Teil von systemrelevanten Berufen, zum anderen sind die Bedingungen unterwegs, beim Kunden, an Raststätten, Autohöfen usw. nicht wirklich die besten. Duschen, Essen, Toilette… all das ist erschwert. Dann die Behandlung beim Kunden: Wartezeiten wegen betriebseigener Hygienevorgaben, zum Teil werden Fahrer auch wie „Aussätzige“ behandelt. Leider habe ich das selbst von meinen Fahrern zu hören bekommen.

    All das ist Gift für die Konzentration und die Aufmerksamkeit.

    Aber… wir sind alle nur Menschen und man kann (leider) nicht per Knopfdruck auf 100% Arbeitsmodus umschalten. Das Gehirn lässt uns grübeln, wo wir es eigentlich am wenigsten gebrauchen können; während der Fahrt, vor dem Einschlafen. Und das führt zu Schlaflosigkeit, schlechten Schlaf etc. und daraus resultierend Übermüdung. Dass man dann am folgenden Tag nicht 100% bringen kann, darüber muss man nicht diskutieren.

    Also was kann man tun, was kann JEDER tun, um diese schweren Unfälle zu vermeiden?

    Zuallererst sollte sich jeder darüber klar sein, dass das Heck des Vordermanns das eigene Todesurteil sein könnte.

    Dann diese Handy- und Laptop-Nutzung: ein Blick darauf und der Sicherheitsabstand ist dahin!

    Ablenkung durch diverse andere Sachen minimieren

    Kein Fahrer sollte sich auf alle seine kleinen Helferlein im LKW verlassen. Abstandstempomat, Spurhalteassistent, Bremsassistent, Abstandssensor usw. können auch mal defekt sein oder eine Störung haben. Und vor allem: die Assistenzsysteme dürfen nicht abgeschaltet werden! Denn sie können nur unterstützen, wenn sie auch in Betrieb sind.

    Ausreichend schlafen. Ok…das wird nicht immer möglich sein, da es die Parkplatzsituation nicht so wirklich zulässt. Schlafen direkt mit dem Ohr an der Autobahn, laute und überfüllte Raststätten und Parkplätze usw. machen das Schlafen nicht unbedingt besser.

    Regelmäßige freiwillige ärztliche Kontrolle durch den Hausarzt. Übermüdung, Abgeschlagenheit und unkonzentriert sein können auch gesundheitliche Ursachen haben. Bei mir z.B. waren es Eisen- und Vitamin-D3-Mangel. Nun nehme ich täglich Eisen und Vitamin D3 zu mir und mir geht es besser. Kleine Ursache, große Wirkung.

    Hier gibt es gesundheitlich garantiert noch hunderte Möglichkeiten, die sich schnell beheben lassen. Einfach mal ein großes Blutbild machen lassen und vieles kann dann ausgeschlossen oder behoben werden.

    Zuletzt bleibt mir nur noch der Appell an alle Kollegen:

    Bitte fahrt vorsichtig, lasst Euch nicht hetzen oder stressen. Keine Ware und kein Kunde sind so wichtig, dass man andere oder sich gefährdet. Denkt an Eure Familien, die Euch gesund und munter wieder bei sich haben wollen.

    Versucht, nicht jeden Ärger mit hinter‘s Steuer zu nehmen. Macht Pausen, wenn es mal wieder zu heftig wird. Auch wenn es stressig wird, denn nur ein wacher Geist kann wach arbeiten.

    Respekt und weniger Egoismus tun jedem gut, egal ob PKW- oder LKW-Fahrer.

    Lasst die Finger von Handy, Laptop, Tablet und Co. Ein Blick darauf und es könnte der letzte Blick sein!

    Ein jeder von uns kann dazu beitragen, dass die Unfälle vermieden werden; ein jeder von uns ist maßgeblich daran beteiligt, dass der Straßenverkehr sicherer wird. Und das unabhängig von der Nationalität!

    Und das Wichtigste überhaupt: Haltet Abstand!

    Besser zu viel, als zu wenig, denn Abstand rettet Leben – nicht nur das des Fahrers.

    Daniela Kampschulte
    Daniela Kampschulte ist Berufskraftfahrerin und Kraftverkehrsmeisterin aus Attendorn im Sauerland. Seit 2005 saß sie hinter dem Steuer, bevor sie auf die „andere Seite der Macht“ wechselte. Seit 2018 arbeitet Daniela nun als Disponentin. Für den Saloodo! Blog schreibt sie über alles rund um ihren Job und allem, was damit zu tun hat! Und auch Witziges darf da natürlich nicht fehlen…

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