Stressbekämpfung: Leistungsfähigkeit erhalten in einer überaus hektischen Branche

Die Logistik gehört zweifelsohne zu einer der hektischsten, stressigsten Branchen überhaupt. Denn hier herrscht immer Zeitdruck und kommt es nicht zuletzt aufgrund der Konkurrenzsituation meistens auf jede einzelne Minute an. Angesichts dessen leiden die meisten Beteiligten, egal ob Teilzeit-Kommissionierer oder Führungskraft, unter einem erheblichen Stresslevel – und unterliegen somit einem bedeutenden Risiko, weniger zu leisten, als für das Unternehmen optimal ist.

Wohl viele Logistikmitarbeiter kennen es: Der Arbeitstag verfliegt angesichts der multiplen Aufgaben geradezu. Kaum hat man morgens angefangen, zeigt die Uhr schon kurz vor Mittag an. Und wenn die Arbeit in den späteren Nachmittagsstunden trotz aller Leistung nicht weniger wird, wünscht sich mancher, der Tag hätte mehr Stunden.

Vorarbeiter schauen und sprechen zur Armbanduhrkontrolle beim Beladen von Containern
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Schon in normalen Zeiten stellte und stellt die Logistik oftmals den „Stressgipfel“ der meisten möglichen Branchen dar. Während der Pandemie jedoch, in der das Arbeitsaufkommen vor allem für im Versandhandel involvierte Logistiker noch um mehrere Grade anstieg, erreichte auch das Stressniveau zuvor undenkbare neue Höhen.

Das Problem daran: Stress als „Spannung des Körpers“ kann beliebig gesteigert werden. Die menschlichen Möglichkeiten jedoch, ihn zu ertragen und zu bewältigen, sind begrenzt. Je schneller dadurch unsere „Akkus“ entleert werden und je weniger Gelegenheiten vorhanden sind, sie wieder aufzufüllen, desto stärker werden die Leistungsverluste. Das wiederum resultiert in noch mehr Stress, um die Lücken zu füllen – eine Abwärtsspirale, an deren Ende letztlich der befürchtete Burnout steht.

Eine Krankheit, die nach wie vor in ihren massiven Auswirkungen oft missverstanden und deshalb häufig unterschätzt wird. Wer einmal echten Burnout erlebt hat, wird nicht nur lange Therapiemonate benötigen, sondern niemals wieder solche Leistungen abrufen können. Eine buchstäblich „ausgebrannte“ Person – die für die gesamte Logistikbranche als wertvolle Arbeitskraft für immer verloren ist.

Stressbekämpfung ist der Schlüssel hiergegen. Und es ist deutlich mehr als „nur“ der Erhalt des inneren Gleichgewichts. Es ist eine direkte Investition in eine ständig hohe Leistungsfähigkeit von wertvollen Mitarbeitern. Denn wer langfristig keinen Stress im Übermaß erlebt, ist erwiesenermaßen zufriedener, leistungsfähiger, produktiver und weniger fehleranfällig – und daran sollte letztlich jeder Führungskraft grundsätzlich gelegen sein.

Stressvermeidung versus Stressbewältigung: Begrifflichkeiten

Gestresster Geschäftsmann sitzt am Schreibtisch
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Unter dem Oberbegriff Stressbekämpfung finden sich verschiedene Begriffe, die häufig falsch-synonym oder gänzlich aus dem Kontext genutzt werden. Die vier wichtigsten Begriffe, die jeder kennen sollte, sind:

  1. Eustress: Ein „positiver“ Stressor, der über kurze Phasen beträchtlich die Leistungsfähigkeit erhöhen kann. Dieser Stress lässt sich problemlos ohne besondere Maßnahmen ausgleichen.
  2. Disstress: Ein „negativer“, d.h. die herkömmliche Leistungs- und Regenerationsfähigkeit dauerhaft überziehender, (Eu-)Stress. Er benötigt konsequente Ausgleichsmaßnahmen. Dies ist der gefährliche Stress, unter dem viele Logistiker leiden.
  3. Stressvermeidung: Der grundsätzliche Versuch, jede Form von (Dis-)Stress konsequent bereits im Ansatz zu unterbinden.
  4. Stressbewältigung: Der gegenüberstehende Versuch, die Auswirkungen von negativem Stress nachträglich abzufedern – die „Akkus“ wieder aufzuladen.

Das heißt, Eustress ist in der Logistikarbeit kein Problem, sondern das Gegenteil. Ähnlich wie bei einer Fluchtsituation kann der Mensch über gewisse Zeiträume mehr Leistungen liefern, ist wacher und produktiver.

Alle Maßnahmen sollten deshalb darauf abzielen, Leistungsfähigkeit für das normale (stressige) Tagesgeschäft zu erhalten und gleichzeitig für genügend Leistungsfähigkeit zum Erhalt einer „Booster“-Funktion in Zeiten von besonderen Anforderungsspitzen zu sorgen.

Stressvermeidung: Wichtige Methoden

Der aus psychologischer Sicht beste Ansatz der Stressbekämpfung ist es, möglichst wenige Stressoren überhaupt entstehen zu lassen. Das gilt sogar für Eustress. Selbst dieser positive Stress sollte nur, wenn wirklich nötig, aufgebaut werden, da er schnell in Disstress umschlagen kann. Stressvermeidung zielt hierauf ab. Allerdings verbirgt sich hinter dem Begriff beileibe nicht nur eine Reduktion von Stress.

Resilienz: Wie anfällig eine Person für Stressoren ist, hängt im Höchstmaß mit ihrem Denken und ihrer Einstellung zusammen. Aus diesem Grund kann beispielsweise ein erfahrener Disponent deutlich mehr „Druck“ aushalten als ein Anfänger.

Allerdings hat die Resilienz nur teilweise mit einer Gewöhnung zu tun. Vielmehr stehen dahinter sieben wissenschaftlich anerkannte Säulen. Sie können mit gezielten Übungen trainiert werden – hierzu bieten sich im betrieblichen Umfeld unbedingt Fortbildungsmaßnahmen für das Team an. Zudem kann Stress bereits durch Änderungen bei der Sprache vermieden werden: „Könnten Sie bitte…“ statt „Sie müssen sofort…“ ist ein bekanntes Beispiel hierfür.

Geschäftsleute bei der Arbeit in einem geschäftigen Büro
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Zeitmanagement: Jeder Tag hat nur 24 Stunden. Nur ein Bruchteil davon darf legal für die Arbeit genutzt werden. Falsch wäre es diesbezüglich, jene acht Stunden mit möglichst viel Arbeit zu füllen – dies ist sogar einer der wichtigsten Auslöser von Disstress. Richtig hingegen ist es, ein smartes Management der Zeit anzustreben.

Wichtig ist dafür die Abwesenheit von Zeitdruck. Jeder Mitarbeiter sollte für eine Aufgabe die für ihn passende Zeitspanne zugemessen bekommen – so schwierig dies in unserer Branche auch sein kann. Dazu gehört es überdies, immer mit ausreichenden Zeitreserven zu planen. Nicht minder wichtig ist die Einteilung von Aufgaben in Zeitraum-Blöcke. Je mehr das Gehirn Gelegenheit hat, sich auf eine Aufgabe zu fokussieren (statt andauernd abgelenkt zu werden), desto geringer das Stressniveau. Dementsprechend sollte im Logistikbetrieb eine Politik der festen Zuständigkeiten und Aufgabenzuweisungen existieren.

Personalpolitik: Jeder Mensch kann nur eine bestimmte Leistung dauerhaft abrufen, bevor der Stress nachteilig wird. Ein wichtiger Schlüssel hierzu ist die an seinem Arbeitsplatz vorhandene Personaldecke. Denn häufig wird aus Sparsamkeitsgründen zu viel Arbeit auf zu wenig Personal verteilt. In der Folge wird das gesamte Team dauerhaft überlastet, es leidet eine ganze Abteilung oder gleich das Unternehmen.

Eine Personalpolitik mit Weitsicht schaut deshalb nicht nur auf die Kosten, die jeder einzelne Mitarbeiter verursacht. Sie blickt vor allem auf die langfristigen Umsätze, die jeder Mitarbeiter einbringt. Dementsprechend sollte es eine „gesunde“ Personaldecke geben. Allerdings sei unterstrichen, dass mehr Personal keine Einladung sein sollte, das Auftragsvolumen zu erhöhen. Dann nämlich beginnt das Problem wieder von vorn.

Überstundenpolitik: Der gesetzliche Rahmen für Überstunden ist äußerst klar geregelt und lässt absichtlich gewisse(!) Freiräume. Oftmals sind es jedoch nicht die Vorgesetzten, die hierbei das Problem sind, sondern Mitarbeiter selbst.

  • Schlechtes Zeit- und Aufgabenmanagement,
  • Konkurrenzsituationen zwischen Mitarbeitern,
  • Anerkennungs- und Beförderungswünsche

sorgen im Zusammenspiel mit falsch denkenden Vorgesetzten oftmals für völlig vermeidbaren Stress. Hier ist definitiv die Unternehmensleitung gefragt. Sie muss eine äußerst konsequente Politik betreiben. Eine, wonach „freiwillige Überstunden“ nicht positiv angesehen werden, sondern das Gegenteil. Erneut tun sich hierbei viele Entscheider schwer; in vielen Betrieben wird ein solches Verhalten nach wie vor als besonderer Einsatz äußerst positiv bewertet.

Stressbewältigung: Wichtige Methoden

Es ist speziell in unserer Branche oftmals sehr schwierig, die zuvor genannten Vermeidungsstrategien konsequent umzusetzen – dahinter stehen zu häufig miteinander verflochtene Realitäten der Logistik an und für sich.

Wenn es jedoch nicht gelingt, negativen Stress noch vor seiner Entstehung zu unterbinden, dann muss wirklich mit Blick auf die Person und die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens versucht werden, entstandenen Stress zeitnah wieder abzubauen. Das Problem hieran: Manches davon fällt in den Freizeitbereich und entzieht sich somit der Kontrolle des Arbeitgebers.

Freundliche, fröhliche, unterschiedliche Mitarbeiter, die lachend zusammen Pizza essen
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Klare Pausenregelungen: In den Arbeitszeiten werden die Pausen nicht umsonst explizit erwähnt. Doch gerade in Büros haben es sich viele Mitarbeiter angewöhnt, diese am Arbeitsplatz zu verbringen. Zwar ist dies nach rechtlicher Definition eine Pause, jedoch nicht aus der wichtigeren psychologischen Sicht.

Das Gehirn muss Zeit bekommen, das Thema Arbeit zu vergessen. Es sollte deshalb a) unbedingt einen Pausenraum geben, b) sollten die Pausen (in einer Schicht) möglichst von allen gemeinsam genommen werden und c) sollten Führungskräfte unbedingt darauf achten, dass diese Pausen auch sinngemäß wahrgenommen werden. Ähnlich wie bei Überstunden sollte es hier weder Duldung noch positive Bestärkung negativen Verhaltens geben.

Ausreichend Schlaf: Schlaf ist die mit Abstand wichtigste Waffe gegen ein Aufsummieren schädlicher Stressoren. Denn nachts finden zahlreiche Reinigungsprozesse im Gehirn statt, zudem werden wichtige Informationen ins Langzeitgedächtnis überführt. Natürlich können Arbeitgeber hier kaum etwas tun, außer ihre Mitarbeiter zu bitten. Das jedoch sollten sie nachdrücklich tun.

Denn Mitarbeiter, die jede Nacht das für sie persönlich nötige Maß an qualitativ und quantitativ hochwertigem Schlaf erhalten, bauen automatisch Stress ab, der sich selbst bei Einhalt anderer Maßnahmen aufbauen würde.

Eine „Dienst ist Dienst“-Politik: Die Logistik ist eine Branche, in der meist rund um die Uhr gearbeitet wird. Allerdings sollten sich Führungskräfte immer wieder vor Augen halten, wie es sich auf die Psyche auswirkt, selbst nach Feierabend die Arbeit nicht aus dem Kopf zu bekommen.

Angesichts dessen sollten Betriebe konsequent versuchen, Mitarbeiter jeglicher Rangstufen im Feierabend zur Ruhe kommen zu lassen. Dies gilt insbesondere für das Thema Erreichbarkeit. Einfach formuliert: Wer im Feierabend ist, sollte, außer in echten Notfällen, nicht behelligt werden.

Letzten Endes sind hier noch zahlreiche weitere Maßnahmen zwischen Sport, Meditation sowie der Vermeidung von zusätzlichem Freizeitstress zu nennen. Dabei handelt es sich jedoch um Dinge, auf die Arbeitgeber keinen Einfluss haben. Es sollte jedoch zumindest immer versucht werden, das Team auf die Möglichkeiten und Folgen nach Feierabend aufmerksam zu machen. Wenn dies auf ein stressvermeidendes und anderweitig stressabbauendes Arbeitsumfeld trifft, ist selbst in einer so hektischen Branche wie der Logistik den Bedürfnissen meist Genüge getan.

Daniel Mahnken
Daniel Mahnken ist Head of Corporate Communications bei Saloodo!. Als gelernter Journalist liegt ihm das Schreiben quasi im Blut. Nach seinem Sportpublizistik-Studium wollte er eigentlich Germany’s Next Sport-Kommentator werden, doch dann entdeckte er die Logistik und kommt seitdem nicht mehr davon los.

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